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Schadstoffe und ihre Wirkung auf Wale im St. Lorenzgolf

"Together we have the power to protect the ocean": inspiriert durch das Motto des Weltozeantages 2014 lanciert das Mériscope ein mehrjähriges Forschungsprogramm über Schadstoffe und ihre Wirkung auf Zwergwale und Belugas im St. Lorenzgolf, in enger Zusammenarbeit mit anderen Forschungsgruppen, Universitäten, kanadischen Bundesbehörden, und dem Netzwerk für gestrandete Meeressäuger.

Im Fokus des vierjährigen Forschungsprogrammes stehen neuartige Brandverzögerer, die als toxikologisch unproblematisch und biologisch abbaubar angepriesen wurden. Solche Brandverzögerer, in Form synthetischer Kohlenstoffverbindungen, werden bei Konsumgütern (Elektronik, Möbel, Textilien, Autos) und in Baumaterialien verwendet und gelangen mit Industrieabwässern in die Meere und die Nahrungsketten, an deren Spitze die Wale stehen. Die Konzentration mehrerer Dutzend solcher toxischer Verbindungen und ihre Auswirkungen auf die Transkription der Gene in den Zellen von Belugas und Zwergwalen werden im Rahmen mehrerer wissenschaftlicher Projekte untersucht.

Dieses breit angelegte, interdisziplinäre Forschungsprogramm ist nur möglich dank der engagierten Zusammenarbeit mit unseren kompetenten Partnern, insbesondere Dr. Magali Houde (Environment Canada), Dr. Jonathan Verreault (UQAM), Dr. Véronique Lesage (Dept. of Fisheries and Oceans Canada, DFO), Robert Michaud (GREMM), Dr. Pierre Béland (Saint-Lawrence National Institute of Ecotoxicology, SLNIE), Dr. David Janz (Univ. of Saskatchewan) und Dr. Peter Ross (Vancouver Aquarium).

Die Analysen der Gewebeproben werden im Rahmen einer Doktorarbeit (Antoine Simond) und zweier Masterprojekte an der Université du Québec à Montréal (UQAM) und der University of Saskatchewan durchgeführt. In einer ersten Phase werden archivierte Gewebeproben aus den Labors des DFO und des SLNIE sowie Haut-, Fett- und Leberproben von gestrandeten Tieren untersucht. In der zweiten Phase sollen auch neue Biopsien von Zwergwalen und Belugas in die Studie miteinbezogen werden, um die Zunahme der Schadstoffe und ihre Wirkung auf die Proteinsynthese in den Zellen dokumentieren zu können.

Die erste Generation von Brandschutzmitteln, polychlorierte Biphenyle (PCBs), wurden in Kanada 1997 verboten, weil PCBs toxische und biologisch nicht abbaubare Verbindungen sind, die sich in Nahrungsketten akkumulieren. Sie wurden ersetzt durch eine zweite Generation von Brandschutzmitteln, polybromierte Diphenylether (PBDE), die 2006 aus den gleichen Gründen wie ihre Vorgänger verboten wurden. Seither wird eine dritte Generation von Brandschutzmitteln in Konsumgütern verwendet, halogenierte Brandverzögerer (HFR), ohne dass die biologische Wirkung dieser Substanzen genauer untersucht wurde. Sie sollen zwar weniger toxisch, nicht akkumulierbar und biologisch abbaubar sein, aber wie die ersten Forschungsresultate von Dr. Jonathan Verreault zeigen, sind sie es nicht.

Die Konzentration dieser Brandschutzmittel in der Umwelt, den Tieren und den Menschen erreicht mittlerweile alarmierende Werte, und sie nimmt mit der Zeit exponentiell zu. Im Fett der Belugas des St. Lorenz verdoppelt sich die Konzentration von Brandschutzmitteln in drei Jahren, bei Süsswasserfischen beträgt die Verdoppelungszeit weniger als 20 Monate, und beim Menschen beträgt sie ungefähr fünf Jahre. Es gibt also mehr als genug gute Gründe, die Bioakkumulation von Schadstoffen und ihre Wirkungsweise auf die Transkription von Genen und die Proteinsynthese wissenschaftlich zu untersuchen. Die Resultate dieses Forschungsprogrammes werden den zuständigen Behörden relevante wissenschaftliche Fakten liefern, um in Sachen Brandschutzmittel endlich griffige Gesetze und Verordnungen zu erlassen und unsere Süssgewässer und Meere vor weitergehender Vergiftung zu schützen.

Fotos: Dany Zbinden




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