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Belugas im St. Lorenz: Porträt einer bedrohten Population im Sinkflug

25. Juli 2015 – Ein trauriger Tag für die Belugapopulation im St. Lorenzstrom, mit zwei toten Belugas, die dem Québec Marine Mammal Emergency Response Network gemeldet werden. Trotz des gesetzlichen Schutzes seit 1979 und einer umfassenden Sanierungsstrategie nimmt die Belugapopulation des St. Lorenz seit einem Jahrzehnt konstant ab und leidet seit 2008 an alarmierenden Mortalitätsmustern.

Unser Forschungsschlauchboot, die NARVAL, befindet sich etwa 15 km südöstlich von Longue-Rive, als wir den weissen, reglosen Körper in der St. Lorenz-Seeschifffahrtsstrasse entdecken, nur ein paar Kilometer östlich des Saguenay-St. Lorenz-Marinparks. Eine kurze allgemeine Inspektion zeigt, dass der Belugakadaver in ausgezeichnetem Zustand ist, ohne äusserliche Zerfallserscheinungen, also ein passender Kandidat für eine vollständige Autopsie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Montreal in Saint-Hyacinthe (Québec). Es handelt sich um ein erwachsenes Weibchen, ca. 4.2 m lang und ohne äussere Verletzungen, aber mit einer erweiterten, immer noch blutenden Vagina – sie hat vermutlich erst vor kurzem ein Baby geboren und starb während oder kurz nach der Geburt. Das Kalb ist nirgendwo in Sicht.

Wir melden unseren traurigen Fund sofort dem Québec Marine Mammal Emergency Response Network und vereinbaren, den toten Wal bis zur nächsten Marina abzuschleppen, d.h. zur Lotsenstation der kanadischen Küstenwache in Escoumins an der Nordküste des Ästuars, was zu einer vierstündigen Abschleppoperation führt.

Die St. Lorenz-Belugas bilden die südlichste Belugapopulation, ein Relikt der letzten Eiszeit. Die Population war gemäss Schätzungen ursprünglich um 10‘000 Tiere, wurde jedoch im 19. und 20. Jahrhundert durch den Küstenwalfang erheblich reduziert, auf eine Restpopulation, die 1973 noch etwa 500 Tiere umfasste. Trotz des gesetzlichen Schutzes seit 1979 erholte sich die Population nur sehr langsam, hauptsächlich wegen einer ungewöhnlich hohen Krebsrate in der Belugapopulation des St. Lorenz.

Eine im Jahr 2003 vom Meeres- und Fischereiministerium durchgeführte Populationserhebung ergab einen geschätzten Bestand von 1100 Tieren, aber die Erhebung von 2005 ergab nur noch 1000 Tiere und im Jahr 2012 betrug der geschätzte Bestand noch 889 Tiere. Diese deutlichen Resultate zeigen, dass die Population nach einer leichten Zunahme nun seit einem Jahrzehnt konstant abnimmt. Robert Michaud, wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstation GREMM und des Rettungsnetzwerks für Meeressäuger: "Wir sehen einen katastrophalen Verlauf und wir wissen immer noch nicht genau, was die Gründe dafür sind. Die einzige Möglichkeit für diese Population, den Trend umzudrehen, wäre eine Erhöhung der Überlebensrate und der Geburtenrate, aber was wir seit ein paar Jahren feststellen, ist genau das Gegenteil."

2012, das schlimmste Jahr !

Im Jahr 2012 registrierte das Netzwerk 27 Totfunde, ein Rekordwert, und davon waren 16 neugeborene Kälber. Stéphane Lair, Professor für Veterinärmedizin an der Universität Montreal, hat die Autopsien durchgeführt. Die Krebsrate bei erwachsenen Belugas war immer noch aussergewöhnlich hoch. Obwohl es schwierig ist, die genaue Todesursache bei den Kälbern herauszufinden, sind die ersten Resultate beunruhigend. "Wir glauben, dass entweder die Kälber zu schwach sind, um den Müttern zu folgen oder dann gibt es ein Problem bei der Mutter-Kalb-Bindung."

Eine andere mögliche Hypothese ist, dass die Weibchen unter nachgeburtlichen Problemen leiden, die die Mütter daran hindern, sich richtig um ihre neugeborenen Kälber zu kümmern oder die direkt ihr Leben oder das der Kälber gefährden. Mehrere Fälle von Dystokie (schwierige Geburt wegen einer Anomalie der Mutter oder des Fötus, oder wegen einer falschen Position des Fötus) wurden bei toten weiblichen Belugas diagnostiziert, die im St. Lorenz gefunden wurden.

Hoffentlich wird es uns gelingen, Schutzmassnahmen umzusetzen um diesen tödlichen Trend zu stoppen und die St. Lorenz-Belugas für zukünftige Generationen zu erhalten.

Fotos: Johanne Lemieux




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