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Blauwale am Krillbuffet – als Singles, Paare und Trios

Sechs Blauwale an einem Tag, in einem Gebiet kleiner als 50 Quadratkilometer, das ist eine Beobachtung, die in den letzten zehn Jahren im St. Lorenzästuar eher selten geworden ist. Es ist ein klarer Hinweis darauf, dass das Krillbuffet sehr lohnenswert sein muss, denn diese Wale fressen während Stunden und immer an der gleichen Stelle ganze Schwärme von Krill.

An einem späten Septembertag, bei spiegelglattem Wasser im Ästuar, einige Seemeilen vor der Küste und in der Mitte unseres Forschungsgebietes, sind vier Blauwale am Fressen, direkt an der Oberfläche oder knapp darunter. Der Ton ihrer mächtigen Blase breitet sich sehr weit über dem kalten Wasser aus. Es sind zwei einzelne Tiere und ein Paar, und alle paar Minuten schiebt sich ein Blauwal durch einen Krillschwarm an die Wasseroberfläche.

Eines der Einzeltiere ist ein Weibchen namens "Jawbreaker", das den Forschern am St. Lorenzgolf schon seit 1991 bekannt und eine regelmässige Besucherin im Ästuar ist. Für eine gewisse Zeit gesellt sie sich zu dem Paar und nun fressen sie als Trio, aber dann verlässt sie das Gebiet und zieht nach draussen in tieferes Wasser. Dort ist ein weiteres Blauwalpaar am Fressen, direkt neben der St. Lorenz-Seeschifffahrtsstrasse. Bei diesem Paar ist ebenfalls ein Weibchen, das 1991 zum ersten Mal gesichtet wurde, genannt „Chameau" (Kamel auf Französisch), die an einer Lordose-artigen Verformung der Wirbelsäule leidet. Sie hatte 2002 ein Kalb, das 2011 wieder im St. Lorenzgolf gesichtet wurde und damit das erste Blauwalkalb überhaupt war, das nach dem ersten Jahr im St. Lorenz nochmals gesehen wurde.

Blauwalkälber werden nach einer Tragzeit von 10-11 Monaten geboren, sind bei der Geburt 6-7 Meter lang und wiegen etwa 2.5 Tonnen. Ein Kalb bekommt 380-570 Liter Milch pro Tag, mit einem Fettanteil von 35-50 Prozent, bis es nach 6-9 Monaten entwöhnt wird und dann etwa doppelt so lang ist. Während dieser Zeit nimmt das Kalb etwa 90 kg pro Tag zu, oder 3.75 kg pro Stunde! Beide Geschlechter erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 5-15 Jahren. Blauwale können gemäss Schätzungen mindestens 80-90 Jahre alt werden. Auf der Nordhalbkugel sind erwachsene Männchen im Durchschnitt 24 m lang und Weibchen 25 m, während ihre Artgenossen auf der Südhemisphäre durchschnittlich 25 m bzw. 26.5 m lang sind.

Die Blauwale des St. Lorenzgolfs gehören zur Population des Nordwestatlantiks, die vom Committee on the Status of Endangered Wildlife in Canada (COSEWIC) seit 2002 als „vom Aussterben bedroht" eingestuft wird. Diese Population zählt gemäss Schätzungen weniger als 250 erwachsene Tiere und es gibt deutliche Hinweise auf eine zu tiefe Geburten- und Nachwuchsrate. Heute sind die grössten Bedrohungen für diese Tierart Kollisionen mit Schiffen, Fischerleinen und -netze, Störungen durch Whale-Watching-Aktivitäten, Lärmbelastung, chemische Verschmutzung und Habitatverlust. Eine Studie aus dem Jahr 2005 konnte zeigen, dass die Krill-Biomasse im St. Lorenz seit 1995 um 67% abgenommen hatte. Blauwale sind auch sehr verwundbar bei Langzeitveränderungen des Ozeanklimas, das die Menge an Zooplankton beeinflussen kann.

Die ozeanographischen Eigenschaften des St. Lorenzgolfs machen ihn zu einem aussergewöhnlichen Nahrungsgebiet für die Blauwale des Nordwestatlantiks, weil die Topographie des Meeresgrunds und die Gezeitenströme ökologische Hotspots erzeugen, wo Beuteschwärme vorhersagbar sind. Mehrere Dutzend Blauwale ernähren sich jedes Jahr im Golf und im Ästuar, manchmal bereits im März oder April. Obschon Blauwale mit einer grossen Eisbedeckung klarkommen, werden sie manchmal im Meereis gefangen. Im März 2014 starben neun Blauwale in dickem Eis, das sich westlich von Südneufundland gebildet hatte. Das ist ein riesiger Verlust für eine vom Aussterben bedrohte Population.

Es ist ein grosses Privileg, diese Tiere im St. Lorenzästuar beobachten zu können, aber das Überleben der nordwestatlantischen Blauwale ist sehr unsicher, wenn sich die Populationsentwicklung nicht verbessert. An diesem Septembertag haben wir einige wichtige Einblicke in das Fressverhalten dieser Blauwale erhalten und ID-Fotos von fünf der sechs Tiere in unserem Forschungsgebiet.

Fotos: Gessica Gambaro, Dany Zbinden




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