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Brandverzögerer in St. Lorenz-Walen

Das Mériscope-Team ist sehr glücklich. Nach dieser zweiten Biopsiesaison im Marinpark und im St. Lorenzästuar haben wir fünf neue Zwergwalbiopsien, die im Rahmen unserer Schadstoffstudie untersucht werden. Diese Biopsien werden es uns ermöglichen, mehr über die Akkummulation und die Auswirkungen von halogenierten Brandverzögerern („halogenated flame retardants", HFR) in Zwergwalen und Belugas des St. Lorenzgolfs herauszufinden.

Brandverzögerer

Brandverzögerer, wie es ihr Name sagt, werden vielen Verbraucherartikeln beigefügt, um ihre Entflammbarkeit und damit das Brandrisiko zu reduzieren. Sie werden vielen Materialen hinzugefügt und kommen in zahlreichen Produkten vor: Textilien, Polstermöbeln, Schaumstoffen, Teppichen, Auto- und Flugzeugsitzen, elektronischen Bauteilen, Plastik usw. Diese halogenierten Brandverzögerer (HFR) sind jedoch nicht chemisch an diese Materialien gebunden und können deshalb in die Umwelt freigesetzt werden.

Eine spezielle Gruppe von HFR, die polybromierten Diphenyläther (PBDE), sind in Nordamerika seit den 1970er-Jahren die am häufigsten eingesetzten Brandverzögerer. PBDEs häufen sich in der Nahrungskette an und kommen bei Meeressäugern des St. Lorenzgolfs in sehr hohen Konzentrationen vor, insbesondere bei Belugas, die das ganze Jahr in diesem Gebiet leben. Mehrere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass PBDEs bei Tieren schädliche Auswirkungen auf das Hormonsystem, das Wachstum, die Fortpflanzung, das Verhalten und die Entwicklung haben können.

Die Verwendung von PBDEs wurde in Kanada vor etwa 10 Jahren verboten. Ab 2006 hat diese Verordnung in der chemischen Industrie zur Produktion von Ersatzstoffen, sogenannten „emerging flame retardants" (neuartigen Brandverzögerern) geführt. Über die verwendeten Mengen, die Anhäufung in der Umwelt und besonders die Toxizität dieser neuen Schadstoffe ist nur sehr wenig bekannt.

Biopsiekampagne im St. Lorenzästuar

Die zweite Biopsiekampagne, die von Juni bis Oktober dauerte, wurde im Rahmen des Forschungsprojektes von Anthoine Simond durchgeführt, Doktorand in Biologie an der Université du Québec à Montréal (UQAM) unter der Leitung von Jonathan Verreault vom Research Laboratory in Environmental Toxicology (TOXEN) und Magali Houde, Umwelttoxikologin beim kanadischen Ministerium für Umwelt und Klimawandel. Während der vergangenen zwei Sommer war Antoine ein Mitglied des Mériscope-Teams, welches für dieses kooperative Projekt die Feldlogistik und die Biopsien lieferte.

Mit Forschungslizenzen des kanadischen Fischerei- und Meeresministeriums und von Parks Canada hat Dany Zbinden mithilfe einer kleinkalibrigen Armbrust und spezieller Biopsiepfeile kleine Gewebeproben von Zwergwalen gesammelt, mit einer Schussdistanz von 12-25 Metern von der Narval, dem Forschungsschlauchboot des Mériscope. Diese Biopsiemethode liefert den Forschern wertvolle Gewebeproben, hat jedoch nur minimale Auswirkungen auf den Stresslevel und die Gesundheit der Tiere, die ihr normales Verhalten meist nach wenigen Minuten wieder aufnehmen. Auch die Group for Research and Education on Marine Mammals (GREMM) nimmt am Projekt teil und liefert die Haut- und Fettproben von den Belugas im St. Lorenz. Die vom Mériscope und dem GREMM gesammelten Proben werden später im Labor analysiert, um die Auswirkungen von halogenierten Brandverzögerern auf die Gesundheit dieser Populationen zu untersuchen.

Für einen näheren Einblick in die Kampagne zur Gewinnung der Zwergwalbiopsien, klicke auf das untenstehende Video:


Erste Resultate

Dank der Mitarbeit von Véronique Lesage (Fisheries and Oceans Canada) konnten Haut- und Fettproben von Zwergwalen und Belugas, die an den Küsten des St. Lorenz und von Nunavik (arktisches Québec) gestrandet sind, bereits untersucht werden. Wir haben mehrere PBDEs und sechs neuartige Brandverzögerer in diesen Individuen entdeckt. Insgesamt waren die Belugas aus dem St. Lorenz am stärksten kontaminiert.

Wir hoffen, dass die Resultate dieser Forschung von den zuständigen Behörden berücksichtigt werden, wenn es darum geht, Vorschriften für die Regulierung von chemischen Schadstoffen zu erlassen und angemessene Massnahmen zum Schutz des St. Lorenz umzusetzen.

Für weitere Informationen zu diesem Forschungsprojekt schaue dir das preisgekrönte Video “My PhD for Dummies” von Antoine an, das anlässlich eines Wettbewerbs für Wissenschaftsvermittlung des Chapitre Saint-Laurent ausgezeichnet wurde:

Fotos: Antoine Simond, Markus Eugster, Yves Fabe, Arthur Aubin, Dany Zbinden




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