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Zwergwal-Porträt

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Der Nördliche Zwergwal oder Minkewal (Balaenoptera acutorostrata) ist der häufigste Bartenwal auf der nördlichen Hemisphäre, aber unser Wissen über diese eher solitäre, kleine und kryptische Art ist noch immer sehr lückenhaft. Wir kennen weder die Grösse, die Struktur noch die Entwicklung der meisten Populationen, die Migrationsrouten sind weitestgehend unbekannt und es gibt bedeutende Wissenslücken im Bezug auf Verhalten, Ökologie, Fortpflanzung, Genetik und Schutz. Der Zwergwal hat vielleicht die komplexeste Populationsstruktur aller Wale, es gibt Hinweise auf beträchtliche Trennung zwischen den Geschlechtern, Altersklassen sowie zwischen noch nicht geschlechtsreifen und trächtigen Weibchen. Die maximale Grösse beträgt 10.7 m, aber Nördliche Zwergwale sind im Allgemeinen etwas kleiner (8-9 m) als ihre südlichen Vettern, die Antarktischen Zwergwale.

 

Äusserliche Merkmale: auffällig sind die spitze Schnauze, die sichelförmige Rückenfinne und beim Nördichen Zwergwal das weisse Band auf den Brustflossen.

Klassifizierung und Verbreitung

Zwergwale gehören zur Gruppe der Furchenwale (Balaenopteridae), eine von drei Bartenwalfamilien, neben den Glattwalen (Balaenidae) und den Grauwalen (Eschrichtiidae). Gemeinsam bilden diese drei Familien die Unterordnung der Bartenwale (Mysticeti), die 13 verschiedene Arten umfasst.

Es gibt gegenwärtig zwei anerkannte Arten von Zwergwalen, der Nördliche Zwergwal (B. acutorostrata) und der Antarktische Zwergwal (B. bonaerensis), der auf der ganzen Südhemisphäre vorkommt. Die beiden Arten unterscheiden sich stark in vielen genetischen und morphologischen Merkmalen, u.a. auch im Skelett. Eine kleine Unterart des Nördlichen Zwergwals, als Zwergminkewal bezeichnet, kommt ausschliesslich auf der südlichen Hemisphäre vor. Die Zwergminkewale im Südatlantik sind jedoch genetisch näher mit dem Nördlichen Zwergwal im Nordatlantik verwandt als mit den Zwergminkewalen im Südpazifik, weshalb weitere Untersuchungen über den Status „Unterart“ des Zwergminkewals notwendig sind. Ausserdem werden auch die Nördlichen Zwergwale im Nordatlantik (B. a. acutorostrata) und im Nordpazifik (B. acutorostrata scammoni) als verschiedene Unterarten bezeichnet. DNA-Analysen haben gezeigt, dass Nördliche Zwergwale und Antarktische Zwergwale schon seit Jahrtausenden getrennt sind und genetisch sehr unterschiedliche Taxa darstellen. Faktisch ist der Nördliche Zwergwal näher mit dem Brydewal (B. edeni) verwandt als mit dem Antarktischen Zwergwal, welcher seinerseits näher mit dem Seiwal (B. borealis) verwandt ist. Als ob dies nicht schon kompliziert genug wäre, gibt es noch eine weitere erst 2003 entdeckte Furchenwalart, den Omurawal (B. omurai), der punkto Grösse zwischen dem Antarktischen Zwergwal und dem Brydewal liegt, jedoch eine ältere evolutionäre Linie darstellt und näher mit dem Blauwal (B. musculus) verwandt ist.

Das Verbreitungsgebiet des Nördlichen Zwergwals reicht von den Tropen bis zu den Eiskanten. Wie andere Furchenwale sind sie jedoch im Winter häufiger in äquatornahen und im Sommer in (sub-)polaren Gewässern zu finden, obwohl die Art in allen Jahreszeiten weit verbreitet ist und auf eine Weise migriert, die kaum von einem Jahr zum nächsten vorhersagbar ist. Auch wenn es nur wenige direkte Hinweise auf Migration über grosse Distanz gibt, lassen die saisonalen Unterschiede in Häufigkeit und Verteilung darauf schliessen, dass die Art wahrscheinlich eine gewisse Migration zwischen höheren Breiten im Sommer und niedrigeren Breiten im Winter unternimmt. Trächtige Weibchen scheinen weiter nach Norden zu wandern als stillende und noch nicht geschlechtsreife Weibchen, aber in einigen gemässigten Gewässern sind diese Tiere das ganze Jahr anzutreffen.

Fortpflanzung und Sozialstruktur

Wie andere Säugetiere besitzen weibliche Wale zwei Eierstöcke, eine Gebärmutter, eine Scheide und während der Tragzeit eine Plazenta. Die Gebärmutter ist zweihörnig, d.h. mit zwei benachbarten Kammern, im Gegensatz zu der einkammerigen Gebärmutter der Menschen. Zwillinge sind jedoch äusserst selten und überleben meist nicht wegen der begrenzten Menge an Muttermilch. Die embryonalen Wachstumsraten bei Bartenwalen sind die höchsten im Tierreich, etwa 20 mal schneller als bei Primaten. Die Tragzeit beträgt etwa 10 Monate bei beiden Arten und das Walkalb kommt mit wenigen Ausnahmen immer mit dem Schwanz zuerst auf die Welt, eine Anpassung an die Unterwassergeburt bei allen Cetaceen, um zu verhindern, dass das Neugeborene ertrinkt weil es den ersten „Atemzug“ unter Wasser ausführt. Ein Walkalb kann sofort nach der Geburt schwimmen, aber die Mutter hebt das Neugeborene für die ersten paar Atemzüge an die Wasseroberfläche. Der Fettgehalt in der Muttermilch von Zwergwalen beträgt über 30 % und bewirkt hohe Wachstumsraten während der Säugezeit, die etwa sechs Monate dauert. Die Kälber wiegen 150-320 kg bei Geburt und sind 2.2-2.8 m gross, verdoppeln jedoch ihre Grösse während der ersten sechs Monate. Während dieser extrem schnellen Wachstumsperiode vervielfacht sich ihr Körpergewicht um das 5-10-fache, ein Prozess der bei Menschen 4-11 Jahre dauert.

Gewöhnlich sind Mutter und Kalb getrennt in dem Moment, wo sie im Nahrungsgebiet ankommen, aber manchmal bleiben die Kälber bis zu zwei Jahren bei der Mutter. Die männlichen Zwergwale werden mit 5-8 Jahren geschlechtsreif, die Weibchen mit 7-9 Jahren. Weibliche Zwergwale können scheinbar jedes Jahr ein Junges auf die Welt bringen, im Gegensatz zu vielen anderen Walarten, die sich nur alle 2-3 Jahre fortpflanzen. Dies ist möglich, weil weibliche Wale einen sogenannten Laktationsöstrus haben können, d.h. der Eisprung und die Befruchtung können stattfinden während das Weibchen noch ein Jungtier säugt. Dies geschieht nur, wenn das Weibchen in sehr guter Verfassung und das Nahrungsangebot unbegrenzt ist, und es gibt Hinweise, dass der Anteil an säugenden und gleichzeitig schwangeren Weibchen bei Zwergwalen höher ist als bei allen anderen Bartenwalen. Es findet scheinbar keine Menopause bei Zwergwalweibchen statt und die Lebenserwartung dürfte bei beiden Arten etwa 50 Jahre betragen.

Im Gegensatz zu allen anderen Bartenwalen kann die Fortpflanzung bei Zwergwalen das ganze Jahr erfolgen, mindestens bei der Population im Nordwest-Pazifik. Im Nordatlantik findet die Befruchtung zwischen Dezember und Mai statt, mit einem Höhepunkt im Februar und die Geburt folgt zwischen Oktober und März mit einem Höhepunkt im Dezember, obwohl auch Walkälber im geschätzten Alter von 2-3 Monaten im September sowohl im St. Lorenz-Ästuar als auch vor der Küste Schottlands gesichtet wurden. Die saisonalen Wanderungen der Zwergwale sind weniger vorhersagbar und weniger ausgeprägt als bei vielen anderen Bartenwalen, die ein sehr klares Migrationsmuster zwischen sommerlichen Nahrungsgebieten und winterlichen Fortpflanzungsgebieten haben. Die Daten aus unserem Langzeit-Monitoring-Programm im St. Lorenzästuar zeigen jedoch einen sehr hohen Grad an Ortstreue individueller Zwergwale im Nahrungsgebiet von Jahr zu Jahr und eine erstaunlich hohe Anzahl von Jungtieren in den letzten Jahren. Die grosse Wissenslücke ist, dass die Paarungs- und  Fortpflanzungsgründe nicht nur im Nordatlantik unbekannt sind, sondern auch im Nordpazifik und auf der Südhemisphäre. Die eigentliche Paarung bei Zwergwalen ist bis heute nie beobachtet worden.

Aus dem gleichen Grund gibt es kaum Informationen zum Paarungssystem bei Zwergwalen, aber wie die meisten Furchenwale sind sie wahrscheinlich polygam. Während die Nördlichen Zwergwale in den Nahrungsgründen meist solitär sind, ausgenommen von Mutter-Kalb-Paaren und gelegentlichen Jagdgruppen von 3-10 Tieren, können Antarktische Zwergwale oft in Gruppen von 10 oder mehr Tieren beobachtet werden, vermutlich eine Strategie gegen einen bestimmten Öktyp von Schwertwalen, ihren einzigen Feind in antarktischen Gewässern. Überraschenderweise und im Gegensatz zu anderen Furchenwalen scheinen sich Zwergwale bei der Rückkehr in die Nahrungsgebiete nach Geschlechtern aufzutrennen, mindestens im St. Lorenzgolf, wo fast alle Beobachtungen und gestrandeten Tiere als auch alle unsere bis anhin gesammelten Biopsien darauf hinweisen, dass die ausgewachsenen Zwergwale in diesen Gewässern alle Weibchen sind. Wir wissen nicht, wohin die Männchen im Sommer gehen, aber Satellitensender auf den Weibchen des St. Lorenzgolfs könnten uns zu den winterlichen Fortpflanzungsgebieten führen und anschliessende Sender auf ein paar Männchen würden möglicherweise die sommerlichen Nahrungsgründe der Männchen enthüllen. Im Endeffekt könnten solche Senderdaten die Frage klären, ob Zwergwale im Nordatlantik zwischen den vier anerkannten Populationen migrieren, d.h. zwischen den Populationen der kanadischen Ostküste, Westgrönlands, des zentralen Nordatlantiks und des nordöstlichen Nordatlantiks.

Ökologie und Verhalten

Zwergwale sind opportunistische Jäger und halten sich typischerweise in Küstengewässern auf, manchmal in Buchten mit nur drei Meter Tiefe, womit sie eine ökologische Nische besetzen, die den meisten anderen Furchenwalen nicht zugänglich ist. Ihr Nahrungsspektrum reicht von Krill und kleinen Schwarmfischen (Lodde, Sandaale, Hering) zu grösseren Fischen wie Makrele, Schellfisch und Dorsch. Sie besitzen 230-360 verhältnismässig kurze Bartenplatten auf beiden Seiten (200-300 in B. bonaerensis) und 50-70 Akkordeon-artige Bauchfalten (22-38 in B. bonaerensis), was es ihnen ermöglicht, eine grosse Menge an Beute mit dem Maul zu fangen, indem sie ihre Mundhöhle vergrössern, wenn sie in ein Schwarm von Beutetieren hineinschwimmen. Danach filtern sie die Beute aus dem Wasser, indem sie ihre Kiefer bis auf einem kleinen Spalt schliessen und die Bauchfalten kontraktieren, wobei gleichzeitig die Zunge wie ein Kolben in einem Zylinder vom Schlund nach vorne stösst und das Wasser evakuiert, während die Barten als Kamm agieren. Wenn der Filterprozess vollendet ist, benutzt der Wal abermals die Zunge, um die Beute an der Innenseite der Barten von vorne nach hinten in den Schlund zu befördern, um sie schliesslich zu verschlingen. Dieses Jagd- bzw. Fressverhalten, dass bei allen Furchenwalen vorkommt, ist ein sehr komplexer biomechanischer Prozess und junge Tiere müssen dieses Verhalten erst lernen um es zu beherrschen. Ein erwachsener Zwergwal kann bis 400 kg Beute pro Tag verschlingen.

Ein Nördlicher Zwergwal im St. Lorenzästuar zeigt ein typisches Fressverhalten, das sog. „lunge feeding“ (© Mériscope / Brian Kot).

Der wissenschaftliche Name des Zwergwals, acutorostrata, bezieht sich auf die spitze Kopfform. Ausgestattet mit der hydrodynamischsten Körperform aller Furchenwale sind Zwergwale ausdauernde Schwimmer und können eine Geschwindigkeit von 15-30 km/h während 1-2 Stunden aufrechterhalten. Schwimmsprints sind eine wirksame Antiprädatorstrategie gegen Schwertwale im offenen Wasser, aber wenn es den Orcas gelingt, den Zwergwal in eine Bucht zu drängen, ist es meist um den Zwergwal geschehen.

Da sie meistens solitär sind, sind Zwergwale punkto Vokalisationen nicht so aktiv wie Buckelwale oder andere Wale mit einer komplexen Sozialstruktur (Belugas, Schwertwale). Sie produzieren jedoch eine Vielzahl von Tönen in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet, wie z.B. niederfrequente Downsweeps, niederfrequente Pulssequenzen und höherfrequente Klicks. Im Nordpazifik wurden die mysteriösen ‚Boing‘-Töne dem Nördlichen Zwergwal zugeschrieben und die Zwergminkewale vor Australien produzieren ein komplexes und stereotypes Lautmuster genannt „Star Wars“-Vokalisation, das einen breiten Frequenzbereich von 50 Hz bis 9.4 kHz umfasst und aus deutlichen und wiederholten Komponenten besteht. Im St. Lorenzgolf und dem Ästuar produzieren Zwergwale frequenzmodulierte Downsweeps von 120-80 Hz und niederfrequente Pulssequenzen im Bereich von 40-400 Hz. Diese Sequenzen bestehen normalerweise aus 30 oder mehr Pulsen, wobei jeder Puls 0.2-0.25 Sekunden dauert und in Abständen von 0.15-0.25 Sekunden vorkommt, in regelmässigen Abständen durch die ganze Sequenz, im Gegensatz zu Pulssequenzen, die anderswo im Nordatlantik aufgenommen wurden und entweder ‘slow-down’- or ‘speed-up’-Sequenzen sind. Die Pulssequenzen im St. Lorenzgolf haben Energiemaxima bei 110-180 Hz und 300-340 Hz und sind in Gegenwart von Zwergwalen aufgenommen worden, die knapp unter der Oberfläche Lodden oder Sandaale gejagt haben, ein Hinweis darauf, dass Zwergwale diese Signale produzieren, um Schwarmfische in einem noch dichteren Beuteschwarm zu verdichten, bevor sie ein Angriffmanöver starten.

In gewissen Gebieten, z.B. um Island und die Antarktische Halbinsel, sind Zwergwale häufig sehr neugierig in der Gegenwart von kleinen Booten, zeigen das „spy-hopping“-Verhalten und erkunden  die Schlauchboote während bis zu einer Stunde, aber dieses Verhalten ist sehr selten bei Zwergwalen im St. Lorenzästuar zu beobachten.

Ein neugieriger Antarktischer Zwergwal beim Auskundschaften eines Expeditionsschlauchbootes (© Mériscope / Quark Expeditions)

Populationsschätzungen und Schutzstatus

Wegen ihrer verhältnismässig kleinen Grösse wurden Zwergwale während der frühen Phase des industriellen Walfangs nicht stark bejagt, aber als die Bestände der grösseren Arten besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend ausgeschöpft waren, nahm der Fang von Zwergwalen massiv zu. 1983 hat die Internationale Walfangkommission (IWC) ein Moratorium für den kommerziellen Walfang erlassen, welches von den meisten Ländern respektiert wurde ausser von Japan, Norwegen und Island. Die heutigen Walfangnationen konzentrieren sich sowohl auf Antarktische Zwergwale als auch auf Nördliche Zwergwale im Nordwestpazifik und im Nordostatlantik, aber alle Populationen leiden unter Habitatverlust, erzeugt durch den globalen Klimawechsel, sowie unter anderen anthropogenen Bedrohungen, wie Beifang in Fischereigeräten, chemischer Verschmutzung der Meere, Lärmbelastung des Lebensraumes und Kollisionen mit Schiffen. Der kumulative Effekt mehrerer Faktoren kann eine bedeutende Bedrohung für alle Walpopulationen darstellen inklusive der Zwergwale.

A) Nördlicher Zwergwal (Balaenoptera acutorostrata)

Es gibt keine Schätzung der globalen Population von Nördlichen Zwergwalen, aber Schätzungen, die die Sommerverbreitungsgebiete im Nordatlantik und im Nordpazifik grösstenteils abdecken, belaufen sich auf ungefähr 200’000 Tiere. Obschon es aufgrund von Walfang in etlichen Regionen zu einer Dezimierung der Bestände kam, kann angenommen werden, dass die Population im Verhältnis zum Bestand vor drei Generationen nicht um mehr als 50% reduziert wurde (Kriterium A1 der Roten Liste für den Status „Vulnerable“), weil die geschätzten Fangzahlen von 1951-2017 (drei Generationen von je 22 Jahren), inklusive der Beifänge in Fischereigeräten, weniger als 180‘000 ergeben. Die vom wissenschaftlichen Ausschuss der Internationalen Walfangkommission (IWC) verwendeten Computermodelle für Populationsschätzungen lassen vermuten, dass sich die Population im Nordatlantik erholt hat, diejenige im Nordpazifik jedoch immer noch abnimmt. 2018 hat die International Union for the Conservation of Nature (IUCN) den Nördlichen Zwergwal in der Kategorie ‘Least Concern’ (geringste Sorge) eingestuft.

Seit Januar 2017 sind entlang der amerikanischen Atlantikküste von Maine bis nach South Carolina erhöhte Mortalitätsraten von Zwergwalen aufgetreten. Die Zahlen toter Tiere betragen 27 (2017), 30 (2018) und 22 (2019), im Vergleich zum mehrjährigen Durchschnitt von 12.5 (2011-2016). Vollständige oder teilweise Nekropsien wurden bei mehr als 60% der Wale durchgeführt. Erste Resultate bei mehreren Walen liefern Hinweise auf menschliche Einflüsse oder Infektionskrankheiten. Die Zwergwale vor der US-amerikanischen Ostküste werden als Teil der kanadischen Ostküstenpopulation betrachtet, ebenso wie die Zwergwale im St. Lorenzgolf, aber es ist unbekannt, ob innerhalb dieser kanadischen Ostküstenpopulation separate Unterpopulationen bestehen.

Die gegenwärtig beste Schätzung stammt von einer Luftbestandeserhebung im August 2006, die eine Zählstrecke von 10’676 km im Bereich der 2000 m-Tiefenkurve zwischen der Südkante der Georges Bank und der oberen Bay of Fundy bis hin zum Eingang des St. Lorenzgolfs abdeckte. Die aus dieser Bestandeserhebung errechnete Schätzung kam auf 3’312 Zwergwale für die kanadische Ostküstenpopulation. 1995 lieferte eine Luftbestandesschätzung für den ganzen St. Lorenzgolf 1’020 Zwergwale. Neue Populationserhebungen sind nötig in Anbetracht der ungewöhnlichen Mortalitätszahlen an der amerikanischen Atlantikküste und des vergangenen Zeitraumes seit der letzten Erhebung. Im April 2006 hat die zuständige kanadische Behörde, das Committee on the Status of Endangered Wildlife in Canada (COSEWIC), sowohl die Population vor der kanadischen Ostküste als auch diejenige im Nordostpazifik in die Kategorie ‘Not At Risk’ (nicht bedroht) eingestuft.

B) Antarktischer Zwergwal (Balaenoptera bonaerensis)

Der Antarktische Zwergwal gilt insofern als pagophil (eisliebend), als er sich besser als grosse Bartenwale an ein Habitat mit hoher Packeisdichte anpassen kann. Der Anteil der Population innerhalb des Packeises ist nicht gut bekannt, aber wurde für das Gebiet im südöstlichen Indischen Ozean (Area IV) im Sommer auf 10-50% geschätzt. Die Ausdehnung des Meereises wird gemäss Schätzungen mit dem Klimawandel im Sommer um 30% und im Winter um 50% abnehmen und es wird befürchtet, dass dies eine zusätzliche Bedrohung für Arten wie den Antarktischen Zwergwal darstellt, für die Gebiete mit Meereis ein bedeutender Teil ihres Habitats sind.

Kurz nach Beginn der kommerziellen Jagd auf den Antarktischen Zwergwal wurde dieser hinsichtlich der Fangquoten der IWC unterstellt. Mit dem Inkrafttreten des durch die IWC erlassenen Moratoriums für den kommerziellen Walfang im Jahr 1986 wurden die Quoten auf null gesetzt. Das Sommerverbreitungsgebiet des Antarktischen Zwergwals ist ausserdem theoretisch durch das von der IWC proklamierte Schutzgebiet des Südozeans (‘Southern Ocean Sanctuary’) geschützt, welches den Walfang südlich der Grenze entlang des 40. Breitengrades verbietet. Weder das Moratorium noch die Vorschriften betreffend das Schutzgebiet sind bindend für den Walfang mit einer Spezialbewilligung von Regierungen der IWC-Mitgliedsländer. Dieser „wissenschaftliche Walfang“ Japans dauerte von 1987 bis 2014, als der Internationale Gerichtshof das Ende der „special permits“ anordnete mit der Begründung, dass sie nicht der wissenschaftlichen Forschung dienten. Der japanische Walfang in der Antarktis wurde ab der Saison 2015/16 unter einem neuen Programm weitergeführt.

Der Antarktische Zwergwal steht auf Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (Convention on International Trade in Endangered Species (CITES)), aber das Handelsverbot gilt nicht für nach Japan transportierte Produkte, weil das Land betreffend den Antarktischen Zwergwal einen Vorbehalt innerhalb der CITES-Konvention aufrecht hält. Japan hält ausserdem einen Vorbehalt gegen die IWC-Bestimmungen für das Schutzgebiet im Südozean, womit diese für Japan nicht bindend sind. Der Antarktische Zwergwal ist auf Anhang II des Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals) aufgelistet, auch als „Bonner Konvention” bekannt.

Der Antarktische Zwerwal wurde von der IUCN bis 2018 in der Kategorie ‘Daten mangelhaft’ (‘Data Deficient’) geführt, bis mehr Klarheit über den Bestand und den Populationstrend besteht. Der wissenschaftliche Ausschuss der IWC hat zirkumpolare Schätzungen von ungefähr 500’000 Tieren akzeptiert, basierend auf Erhebungen von 1993-2004. Gemäss Schätzungen hat die Population im Verhältnis zu den letzten zirkumpolaren Erhebungen (1986-1991, Bestandesschätzug 750’000 Tiere) um 31% abgenommen, aber aufgrund mangelhafter Präzision der Erhebungsmethode ist die Bestandesabnahme statistisch gesehen nicht signifikant. Ausserdem hat sich ein unbekannter Anteil der Population während der Erhebungen im Packeis aufgehalten, welches nicht innerhalb der Probenfläche lag. Die unpräzise Bestandesschätzung und der fragliche Populationsanteil im Packeis führten dazu, dass wenig Konsens für den Erlass eines Schutzstatus‘ basierend auf  der Abnahme bestand. Weil die Populationsabnahme jedoch möglicherweise fortdauert und die Gründe dafür kaum bekannt sind, hat die IUCN 2018 den Antarktischen Zwergwal als potentiell gefährdet (‘Near Threatened’) eingestuft.

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